„Realistische Mörder in Krimis und Thrillern“ von Nicolette Bohn

Der Titel und die Kurzbeschreibung des Autorenratgebers „Realistische Mörder in Krimis und Thrillern“ von Nicolette Bohn machen bereits von Anfang an neugierig auf dieses Buch. Der Thriller-Segment boomt, Verlage suchen nach neuen Talenten und spannenden Stoffen - doch wie soll ein Jungautor dabei vorgehen?

Das Buch wird in drei Abschnitte strukturiert. Unter „Teil A“ werden unterschiedliche Täter-Typen von Kannibalen über Serientäter bis zu mordenden Genies skizziert und dabei die Biografien einiger bekannten Vertreter wie die des Amokläufers Martin Bryanth oder des mordenden Arztes Dr. Michael Swango präsentiert. In „Teil B“ lernt der Leser spezifische Krimi- und Thriller-Untergenres wie Tierkrimis oder Krimi-Noir kennen. Es wird auf die Perspektiven eingegangen und in einer übersichtlichen Tabelle findet sich eine Zusammenfassung, worauf man bei der Entwicklung einer Täterfigur achten sollte. Im letzten Abschnitt werden die literarischen Mörder-Figuren analysiert, hier greift Nicolette Bohn auf Hannibal Lecter und Buffalo Bill zurück.

„Teil A“
„Kannibalismus als Thema“, „Ärzte als Mörder“ - ja, Nicolette Bohn fackelt nicht lange und zeigt bereits mit den ersten Zeilen, dass ihr Buch nichts für schwache Nerven ist. Nach einer kurzen Einleitung ins Thema, zum Beispiel, was unter dem Begriff „Kannibalismus“ zu verstehen ist, werden drei reale Täter vorgestellt. Unter „Motive“ findet der Leser des Buches ihre Biografien und beim Punkt „Der Tatort“ werden die Tatorte skizziert, die die Täter für ihre Verbrechen gewählt haben.

Schnell fällt auf, dass der Schwerpunkt dabei auf den Biografien liegt. Dabei führt die Autorin keine psychologische Analyse der Täter durch, sondern stellt nur die Lebensläufe vor. Teilweise wird direkt aus „Wikipedia“ kopiert. Zum Vergleich:
Das Buch: „Als Teenager fiel Richard T. Chase durch Alkoholmissbrauch und eine Neigung, Tiere zu quälen und zu töten sowie durch Brandstiftung auf.“ (s. 55)
Wikipedia: „Als Teenager fiel Chase durch Alkoholmissbrauch und eine Neigung, Tiere zu quälen und zu töten, sowie durch Brandstiftung auf.“
Solche Übereinstimmungen mit Wikipedia findet man in „Teil A“ leider öfter. Als Zitate werden die Sätze jedoch nicht markiert.

„Teil B“
Das Vorwort beginnt mit einem Zitat der Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die den Prozess um den Kannibalen Armin Meiws begleitet hat. Gisela Friedrichsen berichtet darin von ihrer Erfahrung, wie sie unfreiwillig auf den Mund des Täters gestarrt hat. Man sei ja nicht frei von gewissen Vorstellungen. Weiter schreibt Nicolette Bohn dazu: „Wahrscheinlich hat er lange, gelbe Zähne und einen bluttriefenden Mund […] Doch der Anblick des realen Täters löst bei den meisten Menschen ungläubiges Staunen aus. Der Kannibale macht alles andere als einen unrasierten, bluttriefenden und brutalen Eindruck. Im Gegenteil.“

Im Teil B soll es darum gehen, wie vielschichtige Mörderfiguren gezeichnet werden. Doch statt auf die Vertiefung des Themas setzt Nicolette Bohn eher auf Wiederholung. „Kannibalen haben nun einmal keine gelben Zähne und keinen bluttriefenden Mund und mordende Ärzte haben keinen Buckel und keine Narben im Gesicht“, schreibt die Autorin auf Seite 138 als Fazit des Themas „Die physiologische Ebene der Mördertypen“. Und als es auf Seite 147 darum geht, wie man den fiktiven Kannibalen erschafft, liest man als erstes den Tipp: „Der Kannibale fällt nicht durch hervorstechende optische Merkmale auf - also geben Sie ihm auch keinen bluttriefenden Mund und keine gelben, langen Zähne.“

Sehr empfehlenswert ist dagegen das Interview, das Nicolette Bohn mit Petra Klages geführt hat. So erzählt die Kriminologin Folgendes über den Serienmörder Frank G., besser bekannt als „Rhein-Ruhr-Ripper“, der vier Frauen getötet und zerstückelt hat: „Er hatte eine grauenhafte Kindheit und Jugend. Es hat mich erstaunt, dass er die Gewalttaten überlebt hat. Überlebt haben aber nur bestimmte Teile seiner Psyche, eher vielleicht Bruchstücke oder zerstörte Segmente. Es verwundert nicht, dass er heute ist, wie er ist und dass er zum Mörder geworden ist. Was eher erstaunt, ist, dass er trotzdem - wenn auch reduziert auf sehr wenige Menschen - tiefe Liebe empfinden kann und in Bezug auf ihm nahestehenden Menschen durchaus sensibel und empathisch ist.“ (s. 163)

„Teil C“
Teil C ist sehr kurz gehalten. Hier analysiert Nicolette Bohn zwei literarische Figuren - Hannibal Lecter und Buffalo Bill. Wie im ersten Abschnitt liegt auch hier leider der Schwerpunkt fast nur auf der - in diesem Fall fiktiven - Biografie. Im Fazit wird gezeigt, dass Hannibal Lecter eine Mischung aus zwei Täterformen aufweist: Kannibale und mordendes Genie. Das ist allerdings etwas wenig, um zu verstehen, wie diese Figur so viele Leser begeistern konnte. Erinnert man sich dabei an den Ratgeber „Handwerk Humor“, stellt man fest, dass diese Figur dort zwar kürzer, aber um einiges treffender analysiert wurde. Darin zeigt John Vorhaus sehr eindrucksvoll, wie der Autor einen Mann mit so abstoßenden Neigungen so charismatisch und vielschichtig zeichnen konnte.

Fazit: Die Idee hinter dem Ratgeber „Realistische Mörder in Krimis und Thrillern“ ist innovativ und unglaublich spannend. Doch abgesehen vom Interview mit Kriminologin Petra Klages kann dieses Sachbuch den Erwartungen nicht standhalten. Wie realistische, mehrdimensionale Täter-Figuren entwickelt werden, erfährt der interessierte Leser hier nicht in dem umfassenden Maße, der für einen Krimiautor interessant wäre. Dafür bietet dieses Buch jedoch eine griffige Übersicht über die gängigen Täter-Typen und präsentiert die durchaus informativen Biografien der bekanntesten Mörder.

Olga A. Krouk


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