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Der innere Film


Bildhafte Sprache, wortreiches Bild: Wie ein Autor den inneren Film gestaltet
Film und Buch haben eines gemeinsam: Sie müssen von der ersten bis zur letzten Minute spannend sein, den Betrachter oder Leser packen, müssen ihn dazu bewegen, sich ganz in die dargestellte Geschichte hineinzubegeben. Packend, mitreißend, spannend erzählen – wer würde das nicht gern? Aber gerade der Versuch, die Mittel des Films auf das Schreiben zu übertragen, führt oft dazu, dass ein Autor seine Leserschaft verliert, die sich gelangweilt abwendet. Woran liegt das? Was unterscheidet die filmische Darstellung von der literarischen? Die folgenden fünf Thesen sollen Ihnen verdeutlichen, wie Sie als Autor Ihren inneren Film am besten umsetzen und zugleich die Ansprüche und Erwartungen Ihrer Leserschaft berücksichtigen. Sie sind jedoch nicht als Regelwerk oder erschöpfende Abhandlung zu verstehen, sondern einzig als Aufforderung, den eigenen Standpunkt neu zu bestimmen.


1. Literatur visualisiert ausschnitthaft!
Jedes Medium folgt eigenen Gesetzen. Ein Bild kann den Betrachter kommentarlos in die dargestellte Szenerie hereinholen. Je mehr der Betrachter sieht und entdeckt, desto mehr kann er schlussfolgern oder interpretieren. Sprache erreicht dies eher über die Andeutung, über die kluge Auswahl, über Formulierungen, mit denen die Sinne und Emotionen des Lesers angesprochen, keinesfalls aber mit Details überfüttert werden. Wir alle können zudem Beispiele für eine enttäuschende Verfilmung eines unserer Lieblingsbücher benennen. So hatten wir uns das nicht vorgestellt! In dieser einfachen wie lapidaren Feststellung verbirgt sich das wesentliche Erfolgsgeheimnis guter Literatur: Sie erlaubt dem Leser, sich selbst ein Bild zu machen, das Dargestellte zu ergänzen und zu interpretieren. Der Film dagegen lebt davon, dass er diese Interpretationen vorweg aufnimmt und umsetzt, sodass der Betrachter der Darstellung zustimmen kann.


der innere film2. Der Autor unterwirft sich seinem inneren Film nicht, sondern gestaltet ihn!
Wenn es Ihnen als Autor gelungen ist, Ihre eigene Welt, Ihre eigenen Figuren zu entwickeln und ihnen Leben einzuhauchen, können Sie diese vor Ihrem geistigen Auge und Ohr förmlich sehen und hören. Ihre Aufgabe besteht darin, das, was Sie sehen oder hören oder auch wünschen, in Ihrem Text abzubilden. Doch unterscheiden Sie sich – mit Verlaub – von einem Menschen, der Wahnvorstellungen hat, wesentlich darin, dass Sie Ihre Eindrücke reflektieren und aus der Distanz heraus darstellen können. Sie sind nicht Teil dieses Films, sondern Sie sind und bleiben dessen Regisseur, der die Fäden in der Hand hält. Im Unterschied zum Filmemacher sind Sie zudem ganz allein für die Entwicklung Ihrer Story und Ihrer Figuren verantwortlich. Sie haben keinen Kameramann, der die Einstellungen für Sie vornimmt, keinen Drehbuchautor, der die Dialoge entwirft, keinen Schauspieler, der seine Rolle interpretiert. Alles hängt von Ihrer eigenen Vorstellungskraft ab.


3. Tausend Worte sind zu viel für ein literarisches Bild!
Und genau darin liegt eine Versuchung verborgen, die den Profi vom Laien unterscheiden. Sie besteht darin, dass Sie Ihre Figuren ganz dem eigenen Diktat unterwerfen, Ihnen keinerlei Eigenleben zugestehen, die Imagination Ihres Publikums zu stark auf Ihren eigenen inneren Film beschränken. Dies geschieht vor allem dann, wenn Sie jedes Bild bis ins Detail beschreiben. Im Gegensatz zum Film können Sie nicht alles in einer einzigen Szene abbilden. Wer ein Foto oder eine Filmsequenz eines Ertrinkenden betrachtet, der sieht die Eisschollen, das tosende Meer, die Angst und Verzweiflung des Protagonisten. Wollen Sie diese Szene in einem Buch beschreiben, müssen Sie auswählen, was davon erzählbar ist. Eine Andeutung, die Schilderung einer kleinen Geste oder die Wiedergabe einer abgebrochenen Äußerung kann hier oft mehr bewirken als die ausführliche Darstellung aller Umstände. Wesentlich ist: Lassen Sie Ihrem Leser den Freiraum zur eigenen Interpretation. Überfüttern Sie seine eigene Vorstellungskraft nicht, regen Sie sie an. Dass Ihnen dies gelungen ist, bemerken Sie spätestens dann, wenn Ihre Story verfilmt wurde und die enttäuschten Kinogänger bemerken: So hatte ich mir das nicht vorgestellt!


4. Der Autor spielt im eigenen Film keine Rolle!
Ihre Story soll den Leser packen und mitreißen, aber Sie als Autor müssen stets die Distanz dazu wahren. Entrollt sich der Film, werden Sie selbst zum Schauspieler, so legen Sie eine Schaffenspause ein. Aber stellt diese Aussage nicht einen Widerspruch zu der Forderung dar, den Figuren eine eigene Entwicklung zuzugestehen? Nicht, wenn Sie sich darauf verstehen, weiterhin der Herr im eigens geschaffenen Hause zu bleiben. Eine gute Übung ist es beispielsweise, die Figuren, die Sie bisher entwickelt haben, zu einer Besprechung einzuladen. Setzen Sie sich mit ihnen an einen Tisch und hören Sie zu, was diese über den weiteren Verlauf der Story zu sagen haben. Sie werden überrascht sein, was da alles an Ideen hervorsprudelt. Letztlich sind Sie es aber, der entscheidet und auswählt, was davon in Ihre Geschichte eingeht und was nicht.


5. Schildern Sie eingängig, aber lassen Sie Ihren Lesern Freiräume für eigene Interpretationen!
Zur Distanz muss also die Entscheidungskraft treten. Dies gilt auch für die Gestaltung der einzelnen Szenen in Ihrem Buch. Wählen Sie mit Bedacht aus, was und wie viel Sie Ihrem Leser zumuten. Wo Sie ihm die Freiheit der Interpretation lassen. Was bei der Betrachtung eines Films zuweilen Unmut hervorruft – wenn nämlich der Zuschauer zu sehr auf seine eigene Interpretationsfähigkeit angewiesen ist, wenn er keine schlüssigen Antworten auf offene Fragen erhält – das kann beim Buch genau richtig sein. Wie stets im Leben entscheidet das richtige Maß. Ein Filmregisseur übersetzt ein Manuskript in Bilder, seine eigenen oder die seines Publikums. Ein Schriftsteller übersetzt den inneren Film in Sprache – und erlaubt seiner Leserschaft dennoch, eigene innere Bilder zu entwickeln. Ihr Erfolg als Autor hängt wesentlich davon ab, ob es Ihnen gelingt, den schmalen Grat zwischen einer ausführlichen Darstellung und dem Gewähren von Interpretationsspielräumen sicher zu meistern.

 

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